Mittwoch, 11. Januar 2012

Zertifikatewahn

Bei meinem letzten Zahnarztbesuch hatte ich die Möglichkeit im Wartezimmer einen interessanten Artikel über den Zeugnis- und Abschlusswahn in Deutschland zu lesen. Der Autor sprach mir aus der Seele.

Für beinahe alles in unserer Welt werden Zeugnisse, Anerkennungen oder Zertifizierungen benötigt. Dies hat den vermeintlichen Vorteil, dass die "Katze nicht im Sack gekauft werden muss". Doch was sagen all diese Urkunden aus?  In einer Zeit, in der Wissen innerhalb Sekunden auf dem Smartphone verfügbar ist. Wie schon Lothar Schmidt 1966 festgestellt hatte: "Bildung ist das, was übrig bleibt, wenn man alles vergessen hat, was man gelernt hat." Die heutige Bildungsgesellschaft lernt sehr viel und erinnert sich nach Prüfungen an immer weniger. Selbst Professoren haben die Einstellung gewonnen, dass ihr wichtigstes Ziel nicht die Vorbereitung auf das (Berufs-)Leben ist, sondern die Vorbereitung auf ein Examen. Wieviel von dem Wissen danach angewandt oder gebraucht wird, spielt eine untergeordnete Rolle.

Das Paradoxum hat damit aber kein Ende. Erfahrung wird sogar schlechter als eine Zertifizierung angesehen. Wie im Artikel beschrieben, ist es einer mehrfachen Mutter nicht ohne zusätzliche theoretische Ausbildung erlaubt, Tagesmutter zu sein. Wo führt diese Bürokratie hin?
Ich finde, wir sollten der Praxisnähe und Erfahrung wieder den Respekt zollen, den sie verdient. Es muss nicht immer ein Studium sein. "Echtes Wissen", gemischt mit dem Mut, etwas bewegen zu wollen, sind das, was wir wieder brauchen. Dies soll keinenfalls eine Aufforderung sein sich nicht mehr weiterzubilden. Ganz im Gegenteil ist es ein Aufruf wieder zu lernen, aber etwas Sinnvolles. Etwas, das zur persönlichen und gesellschaftlichen Weiterentwicklung beiträgt. Der Erfindergeist von Steve Jobs, Bill Gates oder Albert Einstein, die alle keinen akademischen Abschluss hatten, aber ihr ganzes Leben lernten, wird in unserer Gesellschaft benötigt wie nie zuvor.

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